5G und KI stärken das Weltgehirn

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Ein Gastbeitrag von Heiko Schröder, PhD

Was die Menschheit und ihr Gehirn, das Weltgehirn, wirklich vorangebracht hat, ist die Kommunikation. Kommunikation dient der Verbreitung von Information. Damit Information  sich weit verbreiten kann, muss sie übertragen und auch gespeichert werden. Unsere Intelligenz drückt sich durch die Speichermöglichkeiten und die Verbindungen in unserem Gehirn aus, also durch Gehirnzellen und Synapsen. Die Kommunikationsmöglichkeiten und die Speichermöglichkeit von Information sind im persönlichen, im geschäftlichen und im politischen Bereich in den letzten 4 Jahrzehnten fast schon ins Unermessliche gestiegen und werden wenigstens im nächsten Jahrzehnt durch 5G und künstliche Intelligenz noch wesentlich weiter ansteigen. Nur Kommunikation macht Fortschritt möglich. Großes kann nur durch Zusammenarbeit geschaffen werden und wird durch Kommunikation erst ermöglicht.

Der IQ des Weltgehirns beginnt zu wachsen

Als in Australien die Aborigines die Traumpfade wanderten, dienten Felszeichnungen, Gesänge, Tänze und Geschichten als Wegweiser hin zu fernen Orten; sie dienten dem Erhalt und der Speicherung von Informationen und machten so lange Wanderungen junger Männer und damit Austausch von Erfahrung zwischen den vielen Stämmen möglich. Felszeichnungen sind Speicherplatz für wichtige Informationen, nämlich Hinweise zu Nahrungsquellen und Wasserlöchern. Ein ganz bedeutender Schritt in Richtung Informationsaustausch und Informationserhalt war die Erfindung der Schrift. Niedergeschriebene Information wird wesentlich unverfälschter und länger erhalten als mündliche und gesungene Information. Die Schrift gab dem Weltgehirn ein zusätzliches Speichermedium.

Ein noch größerer Schritt war die Erfindung des Buchdrucks, dadurch konnte Information nicht nur für lange Zeit erhalten, sondern auch schneller verbreitet werden. Das Buch hat nicht nur Religionen unterstützt, sondern auch die Bildung und Wissenschaft gefördert. Das Buch gibt dem Weltgehirn riesige Mengen zusätzlicher Gehirnzellen und damit auch einen höheren Welt-IQ. Diese Gehirnzellen sind aber nur mit recht wenigen anderen Gehirnzellen des Weltgehirns verbunden.

Der IQ des Weltgehirns wächst schneller

Ein paar Hundert Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks folgte das Telefon, was die 1-1 Kommunikation über große Distanzen erlaubte. Das Telefon verband Firmen und Familien über lange Wege. Dann das Radio und das Fernsehen, was ausgewählten Menschen ermöglichte Informationen an Millionen Menschen gleichzeitig zu senden und damit viel schneller zu verbreiten als das Telefon es konnte. Das Radio half Hitler, viele Menschen zu erreichen und für den zweiten Weltkrieg zu mobilisieren. Das Fernsehen trug zum Niedergang des Ostblocks bei, weil der Fortschritt der kapitalistischen Systeme in den kommunistischen Ländern nicht übersehen werden konnte. Telefon, Radio und Fernsehen bildeten viele neue und starke Synapsen für das Weltgehirn und ermöglichen damit eine schnelle Erhöhung des Welt-IQs.

Der IQ des Weltgehirns wächst rasant

Als letzter und größter Schritt wurde das Internet entwickelt und zusammen mit dem Mobiltelefon erlaubt es jedem Menschen Informationen an beliebig viele andere in kürzester Zeit zu senden. Es erlaubt auch, beliebig viel Information zu speichern. Die Synapsen und Speicher des Weltgehirns sind ins schier Unermessliche gewachsen und damit auch die Intelligenz des Weltgehirns. Man könnte meinen, dass man damit am Ende der für die Menschheit wichtigen Entwicklung der Informationstechnologie angelangt sei und nur noch unwesentliche Verbesserungen denkbar sind. Schon jetzt steht unserem Weltgehirn genug Speicher zur Verfügung, alle uns bekannten Fakten und Wahrheiten zu speichern und für jeden zugreifbar zu machen. Und man kann sich kaum vorstellen, dass ein noch schnellerer Zugriff auf das Weltwissen uns wesentlich bereichern könnte. Man muss also sein Vorstellungsvermögen schon anstrengen, um sich wesentliche Verbesserungen/Veränderungen der Weltintelligenz vorzustellen. Es ist aber offensichtlich, dass die uns jetzt zur Verfügung stehenden Kommunikationsmöglichkeiten bisher nur wenig genutzt werden. Die Intelligenz des Weltgehirns kann und beginnt schon rasant weiter zu wachsen

Der höhere Welt-IQ führt zu technischem Fortschritt

In naher Zukunft wird die Intelligenz des Weltgehirns durch 5G und KI vorangetrieben. 5G wird schneller sein als aktuell genutzte Technologie. Das ist angenehm, erscheint aber zunächst nicht besonders wichtig. So gibt es viele Kritiker, die darauf hinweisen, dass man unsere Steuergelder vielleicht in andere, wichtigere Dinge investieren sollte. Jedoch 5G verspricht uns noch mehr: Das Internet der Dinge. Damit gibt es eine wesentliche Erweiterung des Weltgehirns – Dinge kommen als Zellen dazu und 5G als unermesslich viele Synapsen, die die Zellen verbinden. Der Mensch wird mit der Maschine verbunden und Maschinen werden untereinander verbunden. All diese Verbindungen nutzen neue Verfahren der Künstlichen Intelligenz. Daraus kann sich viel entwickeln.

Das autonome Auto ist ein erster Vorgeschmack. Autos können miteinander kommunizieren und, mit Hilfe von KI, ihre Route selbst bestimmen, Geschwindigkeit den Umständen anpassen und uns schnell und sicher ans Ziel bringen. Durch die Vernetzung der Autos können Staus, Verkehrsunfälle und viel Stress vermieden werden. Die Menschheit nutzt das Auto intelligenter.

Die Energieversorgung mit Solarkraftwerken und Windrädern erfordert entweder große Energiespeicherwerke, oder man könnte die Batterien der E-Autos so nutzen, dass zum Beispiel die Hälfte der Batteriekapazität dem Fahrer zur Verfügung steht. Die andere Hälfte dient im Netz als Speicher, der aufgeladen wird, wenn reichlich Solar- und Windenergie zur Verfügung stehen, und entladen wird wenn Sonnenschein und Wind nicht genug zur Verfügung stellen. Wenn das Auto gerade für lange Fahrten benötigt wird, kann es die Batterie vollständig nutzen – vielleicht verbunden mit einem Aufpreis. Zusätzlich könnte geregelt werden, wer wann welche Haushaltsgroßgeräte nutzt. All das geht nicht ohne KI und bedeutet zusätzliche Intelligenz des Weltgehirns.

Mit einer VR-Brille könnte vielleicht auf Schritt und Tritt für den Nutzer sichtbar sein, was in den Gebäuden ist, und beim Blick entlang der Einkaufsstraße sieht man, in welchem Geschäft der gewünschte Artikel zu welchem Preis erhältlich ist. Bei der Wanderung zeigt uns sie VR Brille, wie die Berge in der Nähe heißen, wie die Bäume, wie die Pflanzen heißen, die in der Nähe zu sehen sind – Information gefiltert danach, was wir wissen und sehen wollen. Die VR Brille könnte uns auch warnen, dass es in 5 Minuten regnet. Beim Blick in den Himmel in der Nacht, sieht man die Namen der Sterne.

Vielleicht sieht man durch die VR-Brille auch im Gedränge, welcher Bekannte nur 50 Meter hinter uns geht. Für den Mechaniker, der unser Haushaltsgerät oder das Auto repariert, könnte die VR Brille helfen, den richtigen Handgriff zur richtigen Zeit zu machen. Beim Kochen kann mir übers Internet mitgeteilt werden, welches Rezept ich mit den Zutaten, die ich gerade im Haus habe, kochen kann. Oder es teilt mit, welche Zutaten ich noch dazukaufen muss und wie ich sie am schnellsten besorgen kann. Wenn ich noch preisgebe, wer zum Essen kommt, kann es mir auch die richtigen Mengen nennen. Solche Anwendungen sind vermutlich nicht besonders wichtig, sie brauchen 5G und KI und machen das Leben angenehmer, machen unsere Technologien zuverlässiger, geben uns mehr Informationen und vor allem mehr Zeit für Treffen mit anderen Menschen.

Mit Hilfe von KI und 5G können Systeme entwickelt werden, die mir helfen, den Arztbesuch nicht zu vergessen. Auch Telemedizin erhält durch 5G in Verbindung mit KI viel mehr Möglichkeiten. KI und 5G würden es auch ermöglichen mir die letzten Gespräche, die ich mit Paul vor kurzem geführt habe, vorzuspielen, unmittelbar bevor ich ihn wieder treffe. Das würde die Qualität meiner Beziehung zu Paul deutlich verbessern. Es würde auch sehr helfen, wenn mir im Streit mit meiner Frau eingespielt würde, was ich tatsächlich gerade oder auch vor ein paar Stunden gesagt habe. “Du hast aber gesagt”, “Das hab ich aber nicht gesagt” könnte sofort überprüft werden und manchen festgefahrenen Streit könnte schnell und ohne Eskalation beendet werden.

Die Kritiker von 5G sagen vielleicht, dass ein Teil dieser Veränderungen auch ohne 5G möglich sind und dass sie auf die anderen gerne verzichten, außerdem ist ja nicht sicher, dass diese tatsächlich entwickelt würden.

5G und KI verändern unseren Alltag

Jetzt wird viel über homeoffice, mobile workspace und homeschooling diskutiert. Beschleunigt durch den Coronavirus erscheinen diese Möglichkeiten als besonders attraktiv. Homeoffice und mobile workspace verringert Arbeitswege, weil man nur noch ab und zu in den Sitz der Firma, für die man arbeitet, fahren muss. Das ermöglicht mehr Leben neben der Arbeit und macht auch das Leben auf dem Land möglich und attraktiver.

Für den Arbeitgeber bedeutet homeoffice, dass er weniger Büroraum zur Verfügung stellen muss und damit erhebliche Kosten sparen kann. Einige Firmen gehen auch dazu über, ihre Verwaltung auf mehrere Ortschaften zu verteilen, um leichter qualifizierte Arbeitnehmer zu bekommen und auch um hohe Mieten in Großstädten zu vermeiden. Homeschooling wird in Zeiten der Pandemie eine Notwendigkeit. Viele Unternehmen erwarten, dass sich mobile workspace, homeoffice und über mehrere Orte verteilte Verwaltungen in Zukunft wesentlich mehr durchsetzen.

Der Kommunikationsbedarf über Videokonferenzen wird durch solche Initiativen erheblich steigen. Es gibt jetzt schon gute Systeme wie Zoom, Skype, Jitsi, Cisco Webex und Microsoft Teams, die Videokonferenzen unterstützen, aber noch wird das Videobild oft schlecht, die Tonqualität schwankt oder die Verbindung wird kurzzeitig ganz unterbrochen. 5G verspricht da wesentliche Verbesserungen. Große Bildschirme sind im Preis deutlich gefallen und Systeme, in denen man die Gesprächspartner lebensgroß sieht und so deutlich hört, als säßen sie im selben Raum, lassen sich mit 5G für jeden etablieren. Auch die etwas lästige Verzögerung in der Kommunikation wird durch 5G weiter verringert werden – ganz verschwinden kann sie nicht, denn Einstein hat uns erklärt, dass jedes Signal von Deutschland nach Australien und zurück wenigstens 1/10 Sekunde benötigt.

Zusätzlich ließen sich durch künstliche Intelligenz Gruppendiskussionen gut darstellen, in dem immer gerade die, die an der Diskussion beteiligt sind gleichgroß auf dem Bildschirm gezeigt werden. Solche Systeme werden in Zukunft auch dafür sorgen, dass viel mehr Geschäftsreisen durch Videokonferenzen ersetzt werden.

Das Weltgehirn verändert die Politik

Für schnellen Fortschritt der Gesellschaft ist von fundamentaler Wichtigkeit, dass unser Weltgehirn Intelligenz, Kreativität und kritisches Denken weiterentwickelt. Jeffrey Sachs sagt nach den Wahlen in den USA: “Wir haben gerade ein ganzes Jahr ununterbrochen Wahlkampf gemacht, ohne auch nur einen einzigen Tag substanziell über ein Thema zu diskutieren, nicht über den Klimawandel, nicht über die Ungleichheit, nicht mal über Covid-19. Wir haben in den USA die Fähigkeit verloren, eine öffentliche Debatte zu führen, die auf einem rationalen Diskurs beruht. Ohne diese aber ist es nicht möglich, eine langfristige Veränderung einzuleiten. Unsere Demokratie hat viele Mängel, aber vor allem blockiert uns das Unverständnis der Öffentlichkeit für die tatsächliche Situation in der heutigen Welt.” Eine “gute” öffentliche Debatte erfordert Wissen, Kreativität und kritisches Denken.

Intelligenz des Weltgehirns wird vor allem durch Synapsen erzeugt, die Zugriff auf Wissen verschaffen. Solche Synapsen entstehen ständig neu, z.B. werden sie von Google und Wikipedia gefüttert. Auch kreatives Denken kann das Weltgehirn lernen in Verbindung mit Simulation und den Einsatz von Zufallsgeneratoren.

Ganz besonders wichtig für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft ist die Entwicklung des kritischen Denkens. Das kritische Denken dreht sich um die Frage nach richtig oder falsch und um die Gewichtung von Argumenten. In diesem Bereich muss die Wissenschaft mehr eingebunden werden. Das Internet sollte Mechanismen entwickeln, die den Nutzern hilft, Aussagen “objektiv” zu bewerten. Wir müssen ständig versuchen, der “Wahrheit” näher zu kommen, wohl wissend, dass es die Wahrheit sehr oft gar nicht gibt, oder wir sie (noch) nicht kennen.

Wer weiß schon die richtige Antwort auf die folgenden Fragen? Sollen zukünftig Autos mit Wasserstoff fahren? Sollten wir Windenergie mehr fördern oder lieber auf Solarenergie setzen? Sollte Drogenhandel straffrei werden? Wäre es gut für die Gesellschaft, Tabak und Alkohol zu verbieten? Sollten Schulen mehr oder weniger Geschichte lehren? Sollten in Berlin mehr Hochhäuser gebaut werden? Sind jetzt Steuersenkungen gut für die USA?

Um der “richtigen” Antwort auf solche Fragen näher zu kommen, brauchen wir und das Weltgehirn kritisches Denken. Ich habe hier absichtlich Anführungsstriche benutzt, weil es “die” richtige Antwort oft gar nicht gibt. Unsere Regierung muss aber Maßnahmen ergreifen, sie muss Gesetze erlassen, nach denen sich die Gerichte orientieren können. Da gibt es dann Argumente, die für oder gegen eine Maßnahme sprechen und oft kann man erkennen, ob ein Argument stichhaltig ist, man kann es gewichten. Wenn man für eine Maßnahme alle Argumente und Gegenargumente sammelt und sie alle gewichtet, bekommt man entweder “ein gutes Gefühl” dafür, oder man kommt auch der Idee näher, wie man die Maßnahme modifizieren kann, um die befürchteten negativen Nebeneffekte zu minimieren. Kritisches denken ist fundamental wichtig in politischen Systemen.

Fake News bekämpfen

Eine große Hilfe beim Verbreiten von Meinungen, Glauben und Wissen war die Erfindung der Schrift und des Buches. Sie haben es möglich gemacht, dass Religionen zu Weltreligionen wurden und fortbestehen konnten. Weltreligionen produzierten und etablierten moralische Maßstäbe. Auch Kants kategorischer Imperativ wurde vor allem weltweit akzeptiert, weil es ihn in schriftlicher Form gab. Er war sicher im Kopf vieler Gesetzgeber. So sind viele Gesetze entstanden, die genau festlegen, welche Handlungen richtig und welche falsch sind und die Bürger voreinander schützen. Und all die Gesetze stehen in Gesetzbüchern.

Das menschliche Gehirn braucht nicht nur viele Gehirnzellen und noch viel mehr Synapsen. Es ist besonders wichtig, dass alle Teile des Gehirns miteinander gut verbunden sind. Mit Lobotomie (also die Trennung von Verbindungen im Gehirn) hatte man insbesondere zwischen 1940 und 1960 versucht schwere Depressionen, Angstzustände und Alkoholismus bei vielen Tausend Patienten zu heilen. Joseph Kennedy ließ 1941 an seiner 23 jährigen Tochter Rosemary eine präfrontale Lobotomie machen. Der Eingriff ließ die junge Frau, die leichte Lernstörungen aufgewiesen hatte, mit dem Intellekt eines Kleinkindes zurück. Im menschlichen Gehirn sind die Verbindungen zwischen verschiedenen Teilen des Gehirns außerordentlich wichtig. Das gilt wohl auch für das Weltgehirn.

Deshalb ist es besonders wichtig dass wir in unseren kritischen Betrachtungen versuchen Meinungen/Einsichten/Überzeugungen zu verstehen, die sich in anderen Blasen/Bevölkerungsgruppen festgesetzt haben. Ganz besonders schlimm erleben wir zurzeit die Spaltung in der Bevölkerung in den USA zwischen Trump Anhängern und Demokraten. Aber auch in Deutschland zeigt sich, dass die Kommunikation zwischen AFD und den anderen Parteien, oder auch zwischen Corona-Leugnern und “Maskenträgern” fast erloschen ist. Wir müssen lernen mehr zuzuhören und weniger verurteilen, sonst verhärten sich die Fronten.

Das sollte das Weltgehirn aus seinem (früh)kindlichen Stadium herausführen. Es sollte dazu führen, dass sich einige Blasen auflösen, dass sich Menschen anderen mehr zuwenden und andere besser verstehen, dass es viel mehr Einigkeit gibt und selbst in den vielen Situationen, in denen Einigkeit nicht möglich erscheint, es wenigstens gegenseitiges Verständnis und weniger Verachtung gibt. Wir würden gute Kompromisse finden, Kompromisse bei denen es fast nur Gewinner gibt. Wenn das geschieht, wäre es eine erhebliche Steigerung der Intelligenz des Weltgehirns, das Weltgehirn würde erwachsen werden.

Wenn wir der Gegenseite besser zuhören, wäre das ein Wachsen der Anzahl der Synapsen des Weltgehirns – in diesem Fall der Verbindungen zwischen Mitgliedern verschiedener Blasen: Freunde und Paare werden ihre Streite mit etwas mehr Objektivität führen, weil sie sich nicht im Streit darüber, wer was gesagt hat verstricken können, wird es mehr darum gehen, was sie meinen und glauben und das wird zu mehr Verständnis führen. Das sollte dazu führen, dass aus Kommentkämpfen ernsthafte sachliche Diskussionen mit dem Ziel der Wahrheitsfindung werden. Dies würde uns der Forderung von Jeffrey Sachs, das Unverständnis der Öffentlichkeit für die tatsächliche Situation in der heutigen Welt zu verringern, einen großen Schritt näher bringen.

Erste Faktenchecks in den sozialen Medien

Ein ganz großes Problem für uns als Nutzer des Internets ist die Schwierigkeit Information zu filtern und  Fehlinformation zu erkennen. Google unterstützt uns schon sehr, die richtigen Informationen zu finden. Für Informationen über Corona versucht Google gerade ein System zu entwickeln, welches Fehlinformationen erkennt und unterdrückt, die in diesem Fall oft so gefährlich sind, dass sie Menschenleben kosten. Auch Facebook und Twitter blockieren gerade einen Artikel über Jo Biden. Es gibt bei den großen sozialen Netzwerken also durchaus die Bereitschaft Falschinformation zu unterdrücken.

Trump hat in seiner Amtszeit über 22000 Lügen und irreführende Behauptungen von sich gegeben. Das ZDF berichtet über QAnon: “Im Kern geht es um eine angebliche Elite, bestehend aus Superreichen, Linken und Prominenten, die nach der Weltherrschaft streben. Mit dem Blut entführter Kinder wollten diese zudem ihr Leben verlängern.  Und: Präsident Trump äußert sich wohlwollend über die Anhänger von Verschwörungsmythen von „QAnon“. Das FBI indes warnt mit Blick auf die Bewegung vor einer Terrorbedrohung.” Sowohl Trump als auch QAnon verbreiten ihre Behauptungen und Vermutungen vor allem über die sozialen Netzwerke und müssen entsprechend global bekämpft werden.

In den Nutzungsvereinbarungen von Linkedin steht: “Dementsprechend erfordert dieser Vertrag, dass von Mitgliedern veröffentlichte Informationen korrekt sind und …”.

Die allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook untersagen etwas zu schreiben, was “rechtswidrig, irreführend, diskriminierend oder betrügerisch” ist.

In den allgemeinen Geschäftsbedingungen von Twitter steht hingegen: “Die Vollständigkeit, der Wahrheitsgehalt, die Richtigkeit oder die Verlässlichkeit der über die Dienste veröffentlichten Inhalte oder Mitteilungen werden von uns nicht bestätigt, unterstützt, vertreten oder garantiert. Ebenso wenig stimmen wir den über die Dienste geäußerten Meinungen zu.”

Linkedin und Facebook verbieten also falsche Angaben, während Twitter sich für die Inhalte nicht zuständig erklärt. Es wäre also nötig, dass auch Twitter seine Geschäftsbedingung umschreibt und dass alle drei die Einhaltung dieser Bedingungen auch überwachen. Dies könnte durch Kennzeichnung falscher Behauptungen, falscher Meinungen und unbewiesener Vermutungen geschehen und geschieht in Einzelfällen schon.

Es wäre also nötig Falschinformation und falsche Argumente in sozialen Netzwerken flächendeckend zu erkennen und zu kennzeichnen. Das entspricht den Qualitätskontrollen wie sie auch Stiftung Warentest bei vielen Konsumgütern durchführt. Und Waren werden mit rot, grün oder gelb gekennzeichnet, je nachdem wie gut sie sind, oder es steht groß auf den Labels, dass Stiftung Warentest den Artikel mit “sehr gut” beurteilt hat. Der Energieverbrauch des Elektrogerätes wird angegeben, und ob etwas aus dem biologischen Anbau hervorgegangen ist. Die Kunden achten viel auf solche Kennzeichnungen. Besondere Beachtung bei den Kunden findet auch das gesetzlich vorgeschriebene Ablaufdatum.

Es ist im Interesse des Internetnutzers, dass es solche Kennzeichnung für den Wahrheitswert aller Äußerungen in sozialen Netzen gibt. Alexander Mäder schreibt: “Über die Welt müssen wir uns verständigen können, und dazu brauchen wir ein Fundament, das alle anerkennen.”

Ein Faktenchecker könnte den Wahrheitswert feststellen. Hinter jeder Äußerung könnte automatisch ein kleines  Zeichen in verschiedenen Farben erscheinen: Rot für grob falsch, grün für überwiegend richtig und mehrere Zwischentöne, für die vielen Fälle wo eine Äußerung zum Teil richtig oder zum Teil falsch oder auch strittig ist.  Dabei bedeutet grün/richtig, dass es mit vertrauenswürdigen Quellen im Internet gut übereinstimmt und es in diesen dazu kaum Gegenstimmen gibt. Und rot/falsch bedeutet, dass es dazu erhebliche und als verlässlich eingestufte Gegenargumente im Internet gibt.

Wie Alexander Mäder schreibt, wir müssen ein System schaffen, das alle anerkennen, in das wir Vertrauen haben. In die Kennzeichnung, die sich auf Stiftung Warentest bezieht, hat man Vertrauen, weil man weiß, dass falsche Angaben sofort zu Klagen und gerichtlichen Entscheidungen führen. Genauso könnte es bei der Bewertung der Wahrheitswerte funktionieren. Nutzer, Firmen und Politiker könnten ein Gericht anrufen, das die Bewertung des Wahrheitswertes überprüfen würde.

Automatischer Faktencheck ist machbar

Mit “turnitin” existiert schon ein Softwarepaket, das den automatischen Faktenchecker erheblich unterstützen kann. “Ihre Kultur der akademischen Integrität beginnt mit Turnitin” ist der Slogan dieser Anwendung. Sie wird sehr erfolgreich eingesetzt, um Plagiate aufzudecken, also um festzustellen, ob in anderen Veröffentlichungen schon ähnliches steht. Die Süddeutsche berichtet: “Die neue Software der Behörde ZITiS soll Ermittlern bald dabei helfen, strafbare Hatespeech zu identifizieren.” Und Google hat schon viele Algorithmen entworfen, die erkennen, wovon ein Artikel im Internet handelt. Dabei muss in Kauf genommen werden, dass solche Algorithmen sich irren können. Und genauso, wie Wikipedia immer verlässlicher wurde, werden auch solche Algorithmen immer leistungsfähiger werden.

Der Faktenchecker könnte als Quelle für richtige Informationen eine Liste von Webseiten nutzen, die sich darum bemühen, soweit sie können, sich an die Wahrheit zu halten. BBC, Spiegel, Die Zeit, Natur, Freitag, Bild der Wissenschaft, Wikipedia und viele andere würden in diesem Pool sein, auf den der Faktenchecker sich bezieht. Damit hätte man also einen Faktenchecker, der sich nur auf zuverlässige Medien beruft. Dadurch kann erreicht werden, dass viele Menschen dem Faktenchecker vertrauen.

Wikipedia hat diese Zuverlässigkeit und damit auch viel Vertrauen erreicht. Roland Imhoff schreibt in Spektrum Kompakt: “Menschen müssen lernen, bestimmten Quellen auch zu vertrauen. Schließlich wird sich jetzt niemand zu Hause ein eigenes Labor aufbauen und das Coronavirus selbst untersuchen – irgendeiner Quelle müssen wir glauben.“ Das ist außerordentlich wichtig; denn, wenn wir den Quellen vertrauen, werden viele die Kennzeichnung nutzen und Äußerungen in den sozialen Medien, die rot gekennzeichnet sind, entweder verwerfen oder wenigstens mit einer Portion Skepsis betrachten.

Zusätzlich könnte man auch einen Meinungchecker entwickeln, der alle Äußerungen im Internet mit einbezieht. Ich würde beides für nützlich halten, denn der Faktenchecker mag sich gerade bei aktuellen Meldungen etwas verzögert melden, während der Meinungschecker Augenzeugen von Ereignissen mit einbeziehen würde, und außerdem ein Abbild der Meinungen in der Bevölkerung liefern würde.

Eine Faktencheck-App und auch ein Meinungschecker könnten jedem Schreiber, ob privat, dienstlich oder wissenschaftlich, beim Verfassen von Texten wesentlich helfen, wenn er dadurch Quellen findet in denen ähnliches, ergänzendes oder auch widersprüchliches steht. Ein solches System würde sehr viel künstliche Intelligenz nutzen und würde ein großes Maß an Kommunikation zwischen Verfasser und Internet erfordern und 5G würde zusätzliche Kommunikationsströme ermöglichen. Einem Schreiber, dem an der Wahrheit gelegen ist, würde geholfen, besser auszudrücken, was er mitteilen möchte und ein Leser, der an der Wahrheit interessiert ist, kann den Link anklicken und sehen, was andere Autoren zu der Äußerung im Text zu sagen haben. Ein solches System würde sowohl beim Schreiber als auch beim Leser kritisches Denken schulen – eine Fähigkeit, die uns zu besseren Demokraten macht.

Alexander Mäder schreibt: “Das Ziel der Wissenschaftskommunikation ist, »realistische Erwartungen zu wecken, Möglichkeiten und Grenzen der Forschung aufzuzeigen und die Mechanismen der Selbstkritik in der Wissenschaft zu veranschaulichen«. Dieses Ziel sollte auch das Ziel aller Beiträge in den sozialen Netzen sein. Linkedin hat dieses Ziel und die anderen sozialen Netze sollten folgen.

Man könnte sich in Ausnahmefällen auch entscheiden Äußerungen zu löschen, statt sie nur mit “rot” zu markieren. Das wäre in jedem Fall angemessen, wenn Hass verbreitet wird. Facebook agiert ja schon in wenigen Fällen in dieser Weise. Eine solche Vorgehensweise aber flächendeckend in allen sozialen Medien durchzusetzen würde jede Diskussion und insbesondere die politische Diskussion einen großen Schritt voranbringen, nämlich objektivieren.

Im Zweifelsfall Recherge

Der automatische Faktenchecker wird aber viele Fehler machen, insbesondere, weil er Äußerungen falsch interpretiert – nicht nur, wenn Ironie im Spiel ist. Außerdem gibt es viele politisch relevanten Fragen, zu denen es gegensätzliche Antworten und verschiedene Meinungen gibt. Zum Beispiel wurden von Ronald Reagan und Margaret Thatcher behauptet, dass ihre Politik nicht nur den Wohlhabenden sondern wegen des Trickle-down-effects auch den Armen hilft. Um die Wahrheit solcher Behauptungen zu überprüfen, bedarf es der Auswertung und Interpretation politischer Studien. Künstliche Intelligenz kann dies wohl auch in absehbarer Zeit nicht leisten.

Wikipedia hat ein System entwickelt, in dem Qualitätskontrolle überwiegend von Laien durchgeführt wird. Um aber Fake News im Internet zu entlarven, würde ein Team von Journalisten und Fachleuten (vielleicht auch Wissenschaftlern und Wissenschaftsjournalisten) benötigt und ich propagiere, dass man ein solches weltweites Netz von Journalisten und Fachleuten innerhalb der UN einrichten sollte. Bezahlt werden müsste dieses Team von den Ländern, die Journalisten und Fachleute in das Gremium delegieren. Selbstverständlich könnte sich ein solches Team nicht immer einigen.

Wikipedia hat dieselben Probleme, bewertet aber nur die eigenen Artikel. Wikipedia nutzt Experten um zum Beispiel zu klären, ob der Trickle-Down-Effekt funktioniert und schreibt dazu u.a.: “Vertreter des Center for American Progress gehen von einer kontraproduktiven Wirkung der politischen Maßnahmen aus, die auf der Trickle-Down-Theorie beruhen.” Die Behauptung, dass der Trickle-Down-Effekt zu Gerechtigkeit führt, würde also mit einem roten Link versehen werden. Wikipedia war anfangs viel belächelt und sehr kritisch betrachtet worden, an vielen Schulen galt Wikipedia als unseriös – inzwischen ist Wikipedia eine Autorität, auf die sich viele berufen.

Faktencheck ist ein riesiger Job

Ein solches System von Experten aufzubauen, dass alle Äußerungen in den sozialen Netzwerken bewertet ist ein ungleich größere Aufgabe, als Wikipedia zu einer guten Enzyklopädie zu machen (was ja geschehen ist). Wikipedia ist zwar etwa 500 mal so groß wie die Encyclopedia Britannica ist aber winzig im Vergleich zum Datenvolumen des Internets. Twitter alleine verarbeitet täglich etwa 300M tweets. Wikipedia publiziert täglich nur etwa zwei Artikel. Ich weiß nicht, wie man Tweets mit den viel größeren Artikeln auf Wikipedia vergleichen kann. Vielleicht sind in einem Artikel etwa 100 mal so viele Aussagen wie in einem Tweet?  Ich schätze es mal so ab. Dann wäre die Aufgabe, Twitter so gut auf Richtigkeit zu prüfen wie Wikipedia es tut, etwa 1,5 Millionen mal größer.

Es wäre eine wahrhaft gigantische Aufgabe. Vermutlich kann man aber automatisch herausfiltern, welche Tweets gesellschaftspolitische Inhalte haben und sich auf diese konzentrieren – das wäre vermutlich ein sehr kleiner Anteil der Gesamtzahl. Bei vielen von diesen wäre außerdem eine automatisierte Bewertung ihres Wahrheitsgehalts möglich. Es sollte machbar sein – flächendeckend. Man kann ein solches System starten, indem man zunächst alle Äußerungen zu einem bestimmten Thema bewertet und sich nach und nach immer mehr Themen vornimmt. Wie schon erwähnt hat dies Google bereits mit dem Thema Corona gestartet und Facebook und Twitter haben begonnen Aussagen über Biden auf Richtigkeit zu überprüfen. Diese Aufgabe sollte aber vielleicht einer weltweiten Organisation übergeben werden, an der sich alle Staaten beteiligen können.

Wenn es tatsächlich gelingt ein solches System mit Hilfe von 5G, KI und einem großen Team von Journalisten aufzubauen, hätten wir so etwas wie ein Wikipedia für das Tagesgeschehen und ein Instrument für die offene politische Debatte. Es würde zu einem Einstieg aller Bürger in das kritische Denken führen. Wähler und Politiker gleichermaßen würden dieses System als verlässliche und vertrauenswürdige Quelle nutzen. Es würde die Diskussionen in Familien, am Arbeitsplatz und am Stammtisch objektivieren.

Mehr Vertrauen in die Demokratie

Im Global Risks Report steht: “The challenges before us demand immediate collective action, but fractures within the global community appear to only be widening.” Es ist unbedingt nötig, dass solche politischen Grabenkämpfe schnell beendet werden und dafür benötigen wir eine Objektivierung der Debatten, Debatten die sich auf vertrauenswürdige Quellen stützen. Dann würden sich viele Blasen auflösen oder doch wesentlich verkleinern, radikale Parteien würden viele ihrer Anhänger verlieren.

Demokratie würde den autoritären Systemen deutlicher überlegen sein als es jetzt vielen erscheint, Veränderungen, wie sie im Global Risks Report verlangt werden, könnten viel schneller durchgesetzt werden. Dies alles, weil die Mehrheit schneller erkennen würde, welche Argumente stichhaltig sind und welche nicht. Das würde u.a. schnellere Reaktionen auf die globale Erwärmung demokratisch durchsetzbar machen, selbst wenn sie zu Einschränkungen für uns Bürger führen. Es würde einer größeren Mehrheit klarmachen, dass es besser wäre, den Coronavirus mit schärferen Maßnahmen zu bekämpfen und viel weniger Bürger würden sich solchen Maßnahmen widersetzen. Keiner könnte mehr ernsthaft glauben und behaupten, dass die Schere zwischen arm und reich nicht wesentlich mehr geschlossen werden kann, dass wir nicht viel schneller auf alternative Energien umstellen können, als wir es jetzt tun. Diskussionen über strittige Themen würden reife Diskussionen sein, in denen alle Argumente offen liegen. Qualitätskennzeichnung in den sozialen Netzen würde das Klima der politischen Debatte radikal verbessern. Es würde radikalen Parteien viele Anhänger abnehmen und Verschwörungstheorien viel Wind aus den Segeln nehmen, es würde Demokratie stärken.

 

 

 

Heiko Schröder

Heiko Schröder
Dr. Heiko Schröder ist Professor der Informations- und Kommunikationstechnologie und hat in Deutschland, USA, Großbritannien, Australien, Singapur, Äthiopien, Indonesien und Botswana geforscht und gelehrt.