Spanische Grippe, Corona und die Demokratie: Welchen Einfluss haben Pandemien auf die Gesellschaft?

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Ein Gastbeitrag von Jan Kastner

Covidioten werden sie genannt – die selbsternannten „Querdenker“, die sich auf der einen Seite gegen die Maßnahmen der Pandemiebekämpfung stellen, aber im Grunde ein viel größeres Bild malen wollen. Sie haben Angst um die Demokratie und befürchten einen Verlust der Freiheitsrechte. Dass sie zeitgleich mit Demokratiefeinden demonstrieren, scheint sie entweder nicht zu stören oder es geht ihnen dann doch nicht so sehr um die demokratische Gesellschaft. Nun schreibe ich auf den ersten Blick etwas sehr Kontroverses: Sie haben Recht. Wenn auch nur teilweise und nur in der abstrakten Betrachtung. Den die meisten ihrer Aussagen sind entweder Verschwörungsdenken, Esoterik, völkisch-nationaler Unsinn oder eine Kombination aus allem. Sie haben aber mit der Aussage Recht, dass die Pandemie die Gesellschaft verändern wird. Besser gesagt: die Gesellschaften. Ein Blick in die Vergangenheit auf die sogenannte Spanische Grippe gibt erstaunliche Einblicke.

Zwischen Corona (SARS-CoV-2) und der Spanischen Grippe (A/H1N1) liegt ein Jahrhundert und es gibt trotzdem erschreckende Gemeinsamkeiten. Die Spanische Grippe wütete zwischen 1918 und 1920 und tötete schätzungsweise 50 – 100 Millionen Menschen. Die Spanne der Todesopfer ist aus verschiedenen Gründen so groß. Auf der einen Seite wurde nicht in jedem Land alle Opfer aufgezeichnet und auf der anderen Seite starben Menschen damals viel häufiger an Infektionskrankheiten und deswegen wurde nicht jeder Fall dem neuen Influenzastamm zugeschrieben. Bevor Corona vor einem Jahr begann, seine tödliche Welttournee zu starten, gab es in Europa nicht wirklich eine kollektive Erinnerung an die letzte Pandemie. Seid ehrlich: Was wusstet ihr vor 2019 von der Spanischen Grippe? Nichts? Fühlt euch nicht schlecht, so ging es den meisten Menschen in Europa. Aber wie kann das sein? Nun, das hing mit dem ersten Weltkrieg zusammen, der, obwohl er Weltkrieg heißt, sehr eurozentrisch war. In Europa und Nordamerika starben mehr Menschen durch den Krieg als durch die Pandemie. Im Rest der Welt war es aber andersherum. So finden sich weltweit Familien, Gesellschaften und Regionen, die noch heute die Auswirkungen der Spanischen Grippe spüren und sich kollektiv erinnern.

Gemeinsame Geschichte

Menschen und Influenzaviren haben eine gemeinsame Geschichte. Über 12.000 Jahre, seit der Gründung erster Siedlungen, koexistieren und entwickeln wir uns gemeinsam weiter. Dabei waren die Viren die meiste Zeit unentdeckt. Dass es einen Krankheitserreger geben kann, der noch kleiner als ein Bakterium ist, wollte selbst 1918 kaum einer glauben. Selbstverständlich sah der Mensch (besonders der westliche) den Ursprung einer Krankheit immer von außen. Bis auf die Natives der anderen Kontinente, die unter anderem durch die eingeschleppten Pandemien der Kolonisten in vielen Regionen fast ausgerottet wurden, entsprach diese Sichtweise selten der Wahrheit. In Europa sahen wir spätestens seit dem 19. Jahrhundert den Ursprung jeder neuen Seuche in China oder den Steppen Eurasiens. Ohne wirkliche Evidenz. Daher war es für nationalistische Demagogen (u.a. den baldigen Ex-Präsident der USA) ein Glücksgriff, dass der Ursprung von Corona tatsächlich in China vermutet wird. Pandemien schüren die Xenophobie in den Gesellschaften – gegen Menschen außerhalb der Landesgrenzen und oft auch gegen Minderheiten. Trumps Versuch, den Coronavirus als Chinavirus zu framen, ist daher kein Zufall. Es hat historischen Ursprung und wurde in nationalistischer Tradition genutzt, um die Schuld bei den „anderen“ zu suchen.

Im Mittelalter wurde in Europa bei Krankheitsausbrüchen meistens auf die ansässige jüdische Bevölkerung gezeigt. Die Mär des jüdischen Brunnenvergifters ist den meisten von uns bekannt. In dem vom ersten Weltkrieg zerrissenen Europa wurden die Ursachen der Pandemie selbstverständlich außerhalb der eigenen Grenzen gesucht. Dies wurde durch den Umstand verstärkt, dass es in den am Krieg teilnehmenden Ländern keine freie Presse gab. Die mysteriöse Krankheit, die sich immer weiter ausbreitete und tausende Menschen dahinraffte, fand keinen Platz in der Kriegspropaganda, da die Verantwortlichen Angst hatten, dass dadurch die Kriegsmüdigkeit steigen würde. Dadurch wussten die Menschen nicht, dass sie sich schützen müssen und welches Verhalten kontraproduktiv war. Da Spanien neutral war, wurde dort munter über die neue Krankheit berichtet. Was dazu führte, dass der Rest Europas den Ursprung dort vermutete, obwohl die Pandemie schon lange im eigenen Land war. Freie Presse rettet Leben und das wird in diesem Fall ganz deutlich. Die Unterdrückung der Berichtserstattung in China über den neuen Coronastamm kostete vielen Menschen vor allem in China das Leben und verhinderten ein rechtzeitiges Eindämmen und internationale Koordination. In der heutigen Zeit kommt es aber zu einem weiteren Problem: einer Art Selbstzensur. Wenn die freie Presse als nicht frei wahrgenommen wird und mit dem Label „Lügenpresse“ versehen wird, kann das in vielerlei Hinsicht ein großes gesellschaftliches Problem werden. Im Zuge einer Pandemie kommen wichtige Informationen über ihre Eindämmung nicht mehr bei allen an. Das kann dazu führen, dass die Maßnahmen kaum oder keine Auswirkungen haben. Der Schrei nach strikteren Vorgehensweisen wird lauter, die Sehnsucht nach Autorität stärker und das kann im extremen Fall demokratiegefährdend sein.

Pandemie und Migration

Die Suche nach einem Sündenbock trifft in Einwanderungsgesellschaften meistens die neusten Ankömmlinge. Das Ziel sind oft Geflüchtete, was wir auch in den letzten Jahren sehen mussten. In rechten Kreisen wird vor den vielen Krankheiten gewarnt, welche die Schutzsuchenden angeblich in das Land einschleppen. Diese Gedanken sind nicht neu. Im New York des letzten Jahrhunderts trafen diese Vorurteile besonders Menschen, die aus Italien eingewandert waren. Und tatsächlich litten die italoamerikanischen Gemeinschaften mit am stärksten unter der Spanischen Grippe. Der größte Faktor war aber hier nicht ihre Herkunft, sondern ihre bittere Armut. Sie arbeiteten in den Jobs, die niemand anderes machen wollte und bekamen dafür kaum Geld und noch weniger Erholungszeit. Am schlimmsten war aber die Bevölkerungsdichte. In einem Zimmer lebten teilweise bis zu 10 Menschen. Mit mangelhaften Sanitäreinrichtung und geteilten Betten. Diese Beschreibungen sind erneut erschreckend bekannt. Die Ausbeutung von bulgarischen und rumänischen Arbeiter*innen in Landwirtschaftsbetrieben und in der Fleischverarbeitung hat die gleichen Konsequenzen. Weder in der Arbeit noch in den überbelegten Gemeinschaftsunterkünften gibt es einen guten Schutz gegen das Virus. Kein Wunder, dass besonders Fleischbetriebe häufig Coronahotspots bilden. Krankheiten werden immer mit Minderheiten und Einwanderer*innen in Verbindung gebracht. Dabei verstärkt Armut und soziale Stellung die Gefahr von respiratorischen Erkrankungen. Angehörige von Minderheiten und Einwanderer*innen sind nicht Auslöser, sondern immer diejenigen, die unter Krankheiten am stärksten leiden. Je mehr Menschen auf engem Raum mit mangelhaften Hygienemöglichkeiten wohnen, desto schlimmer trifft sie eine Pandemie. Auch deswegen müssen die Arbeitsbedingungen bei Toennies und Co. radikal verbessert werden. Ebenso müssen alle Geflüchtetenlager aufgelöst und die Menschen dezentral in Wohnungen untergebracht werden.

Schulen offenhalten?

Eine der kontroversesten Diskussionen bei der Bekämpfung der Spanischen Grippe ging um die Frage, ob Schulen geöffnet oder geschlossen sein sollten. In New York City blieben die Schulen offen, um die Kinder gesund zu ernähren und die Gesundheitsinformationen an die Familien weiterzugeben. Viele Einwohner*innen sprachen kein Englisch, hatten kaum Bildung und lebten in extremer Armut. Die Schulen offen zu lassen, war damals eine gute Idee, da die meisten Kinder sich außerhalb, anstatt in der Schule ansteckten. Das müsste auch heute untersucht werden. Wahrscheinlich profitieren Arbeiter*innenkinder von der aktuellen Öffnung, da die Eltern keine Möglichkeit haben, den Ausfall der Schule zu kompensieren. Der Staat stellt hier weder die technische Infrastruktur noch die Schulung der Eltern. Die Schulen müssen improvisieren und meistens auch selbst mit schlechter Ausstattung kämpfen. Digitalisierung muss marginalisierte Menschen mitnehmen, ansonsten wird die soziale Spaltung nur noch weiter verschärft.

Grenzenlosigkeit

Bei Pandemien bzw. Infektionsketten wurde den Menschen zum ersten Mal klar, dass es Probleme gibt, die keinen Halt vor fiktiven Grenzen machen. Deswegen gründeten europäische Staaten schon 1907 ein zentralistisches Archiv von Krankheitsdaten mit einer Art Kontrollfunktion. Wir merken, dass in einer globalisierten Welt Krankheitsbekämpfung erst recht nur international in Kooperation funktioniert. Auch hier sind Grenzen tödlich. Trotzdem kann das Schließen von Grenzen Leben retten. Bei einer Quarantäne nämlich. Aber nur wenn diese möglich ist und strikt eingehalten wird. Australien hatte bei der Spanischen Grippe rechtzeitig das Land dicht gemacht und hatte bei der ersten Welle als einziges großes besiedeltes Land keine Fälle. Leider öffnete sich das Land zu früh, und die zweite globale Welle traf das davor verschonte Land hart. Ein Beispiel von heute wäre Neuseeland, in dem die sozialdemokratische Premierministerin radikal reagierte und die erste Welle sehr schnell zum erliegen brachte. Bei knapp 5 Millionen Einwohner*innen gibt es bis jetzt nur 2.000 Fälle und davon nur 25 Todesfälle. Dabei gab es einen wirklichen Lockdown, niemand durfte in das Land und niemand raus und auch das alltägliche Leben wurde genauso eingeschränkt. Es half, und die Menschen waren froh. Jacinda Ardern, die davor eine Minderheitsregierung führte, gewann die Wahlen hoch. Mut und politisches Handeln nach wissenschaftlichen Fakten wird belohnt.

Pandemie und Demokratie

Die Angst, Wahlen zu verlieren, ist schon fast eine Krankheit unter vielen amtierenden Politiker*innen. Dabei ist die Wahl und auch die Wahlniederlage wichtiger Bestandteil der Demokratie. Aus der Erfahrung mit der Spanischen Grippe entstand die Theorie, dass demokratische Strukturen kontraproduktiv bei der Bekämpfung von Pandemien seien. Gleiches hörten wir im Frühjahr dieses Jahres, wobei dabei hauptsächlich gegen den Föderalismus geschossen wurde. Ich halte diese Theorie für gefährlich und falsch. Die meisten Fehler werden nämlich gemacht, weil die Politiker*innen Angst hatten, die Bürger*innen zu verärgern. Aber diese Angst ist nur in den Köpfen der Politiker*innen. Sie glauben, wenn sie die Pandemie konsequent bekämpfen, dass sie nicht wiedergewählt werden. Diese Angst des möglichen Popularitätsverlustes quält und lähmt viele.  Daran sind aber nicht die demokratischen Strukturen schuld. In einer repräsentativen Demokratie wird die Entscheidungsmacht aus guten Gründen delegiert. Wir bezahlen Menschen, damit sie sich hauptberuflich mit Problemen auseinandersetzen und diese versuchen zu lösen. Dabei geben wir ihnen durch unsere Wahl und unsere Steuern auch die notwendigen Werkzeuge in die Hand, um Expert*innen zur Rate zu ziehen, Informationen zu verarbeiten und Möglichkeiten durchzurechnen. Trotzdem gibt es am Ende im Moment der Entscheidung oft kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Es muss trotzdem eine Entscheidung getroffen werden. Das ist der Job eines*r Politiker*in. Ein*e Politiker*in, die gelähmt ist von der Angst eines Popularitätsverlustes, hat ihren/seinen Job verfehlt.

Es gibt noch viele Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zwischen Spanischer Grippe, Corona und anderen Influenzaviren und von ihnen ausgelösten Epidemien. Einige findet ihr in diesem Twitter-Thread von mir. Wie in jeder Krise gibt es Gefahren für die freiheitlich-demokratische Gesellschaft. Aber diese liegen nicht wirklich in den temporären Maßnahmen der Eindämmung einer Pandemie. Sie liegen viel mehr dort, wo nicht eingedämmt, keine Hilfe angeboten oder Entscheidungen vertagt werden. Wenn marginalisierte Menschen absichtlich oder unabsichtlich vergessen werden und nicht die systematischen Fehler unserer Gesellschaft und Wirtschaft repariert werden, dann kann eine Pandemie ihr volles zerstörerisches Potential entfalten. Aber darum geht es den Menschen nicht, die im Moment angeblich für die Demokratie und Freiheit auf die Straße gehen. Wir befinden uns in der zweiten Welle, die bei der Spanischen Grippe die tödlichste war, und im Moment geht es darum die Pandemie einzudämmen, um Menschenleben zu retten. Das bedeutet, die Freiheit zu nutzen und daheim zu bleiben. Demonstrationen und aktive Missachtung aller Schutzmaßnahmen schützen nicht die Demokratie, sondern gefährden sie.

Buchempfehlung für alle wichtigen Fakten über die Spanische Grippe: „1918 – Die Welt im Fieber“ von Laura Spinney. Im Moment könnt ihr das Buch bei der Bundeszentrale für politische Bildung für 4,50 kaufen. Schlagt zu! Die Lektüre lohnt sich.

Jan Kastner

Jan Kastner
Jan Kastner ist Politikwissenschaftler, welcher als Exilbayer in Bonn lebt und arbeitet. Er studierte in Regensburg, Ljubljana und Bonn. Zwischen 2009 und 2015 war er in der Piratenpartei aktiv und war seitdem fast 5 Jahre parteilos. Nun versucht er sein Glück bei den Grünen. Sein neuestes Projekt ist der Sportpolitische Podcast Polikick https://polikick.de/